GLAUBE

Scheidung im Islam: das Tabu brechen (boşanma)

Eine Scheidung ist im Islam erlaubt, auch wenn sie als das Unliebsamste unter den erlaubten Dingen gilt. Das eigentliche Problem ist nicht die Religion, sondern die Scham, die die Gemeinschaft daraus macht.

LLokum-Team·8 Min. Lesezeit

Erlaubt im Glauben, beschämt in der Gemeinschaft

Fangen wir mit dem an, worüber kaum jemand am Esstisch redet: Die Scheidung, die boşanma, ist im Islam erlaubt. Sie gilt als das Unliebsamste unter den erlaubten Dingen, aber sie ist eben erlaubt, nicht verboten. Genau hier klafft die Lücke. Was der Glaube als letzten Ausweg zulässt, behandelt die Gemeinschaft oft wie ein Verbrechen.

Die boşanma ist religiös also gar nicht das Tabu. Das Tabu ist gesellschaftlich gemacht. Eine Frau, die ihren Mann verlässt, wird nicht von einer heiligen Schrift gebrandmarkt, sondern von Tanten, Nachbarn und dem berühmten elalem, also dem, was die Leute sagen. Wenn du gerade über eine Trennung nachdenkst oder schon mittendrin steckst, ist das der wichtigste Satz dieses Textes: Du tust nichts, was dein Glaube dir verbietet. Du brichst nur mit einer Angst, die andere Menschen erfunden haben.

Warum die Scham überhaupt entstanden ist

Niemand wacht morgens auf und beschließt, Geschiedene zu verurteilen. Die Scham hat Gründe, und sie zu verstehen hilft, sie zu entkräften.

In vielen türkischen Familien gilt die Ehe weniger als Verbindung zweier Menschen, sondern als Vertrag zwischen zwei Familien. Bei der söz, nişan und nikah sitzen oft drei Generationen am Tisch. Wenn diese Ehe später zerbricht, fühlen sich plötzlich alle blamiert, nicht nur das Paar. Dazu kommt die Angst vor dem Gerede der Nachbarschaft, die in kleinen Gemeinschaften, ob in Konya oder in Köln-Mülheim, real ist. Und es kommt eine Verwechslung dazu: Viele halten die kulturelle Schande für eine religiöse Pflicht, obwohl beides nichts miteinander zu tun hat. Großmutters Satz "Was sollen die Leute denken" stammt nicht aus dem Glauben. Er stammt aus der Angst.

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Religiöse Erlaubnis ist nicht kulturelle Schande

Diesen Unterschied muss man auseinanderhalten, sonst dreht sich das Gespräch im Kreis. Das eine ist eine Frage des Glaubens, das andere eine Frage des Dorftratsches.

Religiöse SichtKulturelle Sicht (elalem)
Scheidung ist erlaubt, wenn auch unliebsamScheidung gilt als Schande für die ganze Familie
Ein Mensch darf einer schädlichen Ehe entkommen"Halt durch, der Familie zuliebe"
Bewertet wird das Verhalten, nicht das EtikettDas Etikett dul wird zur dauerhaften Markierung
Würde des Einzelnen zähltDer Ruf der Sippe zählt mehr als der Mensch

Wer eine geschiedene Person verurteilt und sich dabei auf den Glauben beruft, vermischt zwei Dinge, die getrennt gehören. Ich gebe hier bewusst keine religiösen Urteile ab, das ist Sache von Gelehrten und nicht eines Blogartikels. Aber die Linie ist klar: Erlaubnis und Schande sind nicht dasselbe.

Warum es Frauen doppelt trifft

Sei ehrlich, du kennst das Wort. Dul, die geschiedene oder verwitwete Frau. Es klingt harmlos, wird aber oft wie ein Stempel benutzt. Für einen geschiedenen Mann gibt es kaum ein vergleichbar schweres Etikett, und genau das zeigt die Schieflage.

Die geschiedene Frau hört Sätze, die ein geschiedener Mann selten hört. "Warum hast du es nicht hinbekommen." "Wer heiratet dich jetzt noch." "Denk an die Kinder." Oft ist es die eigene Familie, die zum Bleiben drängt, manchmal sogar dann, wenn die Ehe ihr schadet. Das ist der gefährliche Punkt: Wenn der Druck, das Gesicht zu wahren, größer wird als die Sorge um die Sicherheit eines Menschen. Wenn du Anzeichen wiedererkennst, dass eine Beziehung nicht nur unglücklich, sondern schädlich ist, lies die Anzeichen einer toxischen Beziehung. Keine Rücksicht auf elalem wiegt die Würde oder Sicherheit eines Menschen auf.

Stützen statt richten: was Angehörige konkret tun können

Wenn in deinem Umfeld jemand eine Scheidung durchmacht, entscheidet dein Verhalten oft darüber, ob diese Person sich allein oder getragen fühlt. Und nein, du musst dafür kein Therapeut sein.

  • Frag "Wie geht es dir wirklich" statt "Was ist passiert". Das eine ist Anteilnahme, das andere ist Neugier.
  • Lade weiter zum Çay ein. Geschiedene werden oft leise aus dem Familienleben ausgeladen, ohne dass es jemand ausspricht.
  • Gib keine ungebetenen Ratschläge zur Versöhnung. Wer geht, hat meist lange nachgedacht.
  • Verteidige sie, wenn am Tisch getuschelt wird. Schweigen ist hier eine Form der Zustimmung.
  • Behandle die Kinder normal. Sie tragen die Trennung der Eltern nicht.

Eine geschiedene Cousine, die nach der Trennung weiter selbstverständlich zur Bayram eingeladen wird, erlebt die Gemeinschaft als Halt und nicht als Gericht. So einfach kann der Unterschied sein.

Eine harmlose Ehe verlassen ist kein Scheitern

Es hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass eine Scheidung das Eingeständnis eines persönlichen Versagens ist. Das stimmt nicht. Eine Ehe zu beenden, die einem oder beiden Partnern schadet, ist eine Entscheidung und kein Defekt.

Manchmal ist die mutigere Tat das Gehen, nicht das Bleiben. Dass die türkische Kultur unzählige schöne Rituale rund um den Anfang einer Ehe kennt, von den Hochzeitsbräuchen bis zur ganzen Festkultur, heißt nicht, dass jede Ehe um jeden Preis bestehen bleiben muss. Ein Neuanfang ist erlaubt, auch in deinem Glauben. Und ein Neuanfang darf auch bedeuten, dass irgendwann wieder Platz für eine neue Verbindung entsteht. Genau dafür gibt es Räume wie Lokum, wo Menschen mit türkischen Wurzeln einander auf Augenhöhe begegnen, mit verifizierten Profilen und ohne das Getuschel der Nachbarschaft. Kein Druck, kein elalem, nur die Möglichkeit, wenn du so weit bist.

FAZIT

Die boşanma ist im Islam erlaubt; das Tabu ist von der Gemeinschaft gemacht, nicht vom Glauben. Wer das auseinanderhält, hört auf, Geschiedene mit religiösen Argumenten zu verurteilen, die in Wahrheit nur Angst vor dem elalem sind. Das Konkreteste, was du heute tun kannst: Lade die geschiedene Frau in deinem Umfeld zur nächsten Bayram ein, wie immer, und verteidige sie, wenn am Tisch getuschelt wird. Und falls du selbst aus einer harmlosen Ehe kommst, merk dir diesen einen Satz: Ein Neuanfang ist kein Scheitern, sondern erlaubt.

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Häufige Fragen

Ist eine Scheidung im Islam erlaubt?

Ja, die Scheidung ist im Islam erlaubt, wird aber als das Unliebsamste unter den erlaubten Dingen beschrieben. Sie gilt also als letzter Ausweg, nicht als Verbot. Der schwere gesellschaftliche Druck, den viele erleben, ist kulturell geprägt und nicht dasselbe wie die religiöse Erlaubnis. Konkrete religiöse Urteile sollten immer mit qualifizierten Gelehrten besprochen werden.

Was bedeutet das Wort dul und warum ist es so belastet?

Dul bezeichnet eine geschiedene oder verwitwete Frau. Das Wort selbst ist neutral, wird in der Gemeinschaft aber oft wie ein dauerhafter Stempel verwendet, der den sozialen Wert einer Frau infrage stellt. Für geschiedene Männer existiert kein vergleichbar schweres Etikett, was zeigt, wie ungleich das Stigma verteilt ist.

Warum trifft das Scheidungsstigma Frauen härter als Männer?

Frauen hören häufiger Vorwürfe wie "du hast die Ehe nicht zusammengehalten" und stehen unter stärkerem Familiendruck zu bleiben, manchmal selbst in schädlichen Ehen. Der Wunsch, das Gesicht der Familie zu wahren und dem elalem zu entgehen, wiegt dann oft schwerer als die Sicherheit der Frau. Genau diese Schieflage macht das Thema so wichtig.

Wie unterstütze ich eine Freundin oder Verwandte bei der Scheidung?

Frag, wie es ihr wirklich geht, statt Details der Trennung auszufragen. Lade sie weiter zu Familienanlässen und zum Çay ein, verzichte auf ungebetene Versöhnungsratschläge und verteidige sie, wenn am Tisch getuschelt wird. Behandle ihre Kinder normal. Anteilnahme ohne Urteil ist die stärkste Hilfe.

Ist es ein Scheitern, eine schädliche Ehe zu verlassen?

Nein. Eine Ehe zu beenden, die einem oder beiden Partnern schadet, ist eine Entscheidung, kein persönlicher Defekt. Wenn eine Beziehung deine Würde oder Sicherheit bedroht, ist das Gehen oft die mutigere Tat. Ein Neuanfang ist erlaubt, und niemand sollte sich für den Schutz seiner selbst schämen müssen.

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